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KREATIVITÄT REITEN OEKOLOGIE DIALOG Praxis, Seminar- und Forschungsstätte für die Psychotherapie mit dem Pferd
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Erziehung und Entwicklungsförderung
oder Psychotherapie seelischer Erkrankung? Überarbeitete
Fassung des Vortrags vom 12.04.08 in Wien (Internationaler Kongress „Mensch
und Pferd im Dialog“) Birgit
Heintz , 1.)
Vorbemerkungen
– Warum dieses Thema? Die
Heilpädagogische Arbeit mit dem Pferd ist – ebenso wie die Hippotherapie -
seit vielen Jahren weltweit etabliert, durch Forschung und diverse Studien gut
fundiert, die nationalen Ausbildungsinstitutionen sind international vernetzt,
zahlreiche Kongresse fördern Weiterentwicklung und fachlichen Austausch. Die
Einbeziehung von Pferden in die psychotherapeutische Behandlung ist deutlich jünger
und in der Praxis naturgemäß weit weniger verbreitet, wenngleich
verschiedenste Tagungen, Konferenzen und Publikationen seit Ende der achtziger
Jahre eine zunehmende Bedeutsamkeit der Arbeit mit dem Pferd in Psychiatrie und
Psychotherapie belegen. Parallel
entstehen in der BRD zahlreiche Ausbildungsinstitute für „Therapeutisches
Reiten“ oder „Reittherapie“, die ihren Absolventen teilweise suggerieren,
nach 4 – 6 Blockkursen dazu befähigt
zu sein, Menschen mit psychischen Störungen unter Einbeziehung von Pferden
„therapeutisch“ zu behandeln. Die Begriffe „Therapie“ und
„therapeutisch“ sind nicht gesetzlich geschützt; ein dergestalt inflationärer
Umgang mit ihnen ist wenig verantwortungsbewusst. Häufig werden minimale
Grundqualifikationen als Eingangsvoraussetzung für solche Ausbildungen
gefordert. Gerne wird in diesem Kontext mit „fließenden Grenzen“ zwischen Pädagogik
und Psychotherapie argumentiert. Für Laien sind auf diesem boomenden
„Psycho-Markt“ seriöse von unseriösen Angeboten nur schwer zu
unterscheiden. Die
Psychotherapie mit dem Pferd war bisher in den nationalen Dachverbänden und
Kuratorien nicht als eigenständiger Bereich verankert. Im DKThR war sie bisher
innerhalb des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens mehr oder weniger mit
vertreten. Eine wachsende Gruppe von PsychotherapeutInnen arbeitet inzwischen in
der ambulanten, aber auch in der stationären psychotherapeutischen Versorgung
unter der Einbeziehung von Pferden. Einige von ihnen organisierten sich in der
FAPP (Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie), einem
international besetzten Fachgremium für Austausch, Begegnung und Zusammenarbeit
von Vertreter/inne/n verschiedener Psychotherapierichtungen. Die
Einrichtung eines eigenen Arbeitskreises für die „Psychotherapie mit dem
Pferd“ unter dem Dach des DKThR wurde immer wieder diskutiert und im
vergangenen Jahr erneut als Anfrage an Mitglieder der FAPP herangetragen. Der
Anstoß zur Beschäftigung mit dem Thema dieses Artikels bzw. des Vortrags in
Wien ergab sich u. a. vor diesem Hintergrund und dem gemeinsamen Bemühen mit
einigen weiteren engagierten Kolleginnen klare, verständliche und vermittelbare
Kriterien für einen möglichen Arbeitskreis „Arbeit mit dem Pferd in der
Psychotherapie“ zu entwickeln, wobei die Ausbildungsvoraussetzungen für die
Ausübung von Psychotherapie gesetzlich geregelt sind. Auf konstruktive Weise
Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Professionen herauszuarbeiten und mit
einigen Fallvignetten einen kleinen Einblick in die psychoanalytische Arbeit mit
Kindern zu geben, war somit mein Anliegen. Pädagogen
und Psychotherapeuten stehen in psychiatrischen und psychotherapeutischen
Institutionen, also Kinder- und Jugendpsychiatrien, Psychiatrischen und
Psychosomatischen Kliniken oder auch Beratungsstellen im Hinblick auf
Entscheidungsbefugnisse, Kompetenzen und Honorierung, aber entsprechend auch auf
der Ebene von Verantwortung in einem hierarchischen, d.h. potenziell
konkurrenzbetonten Verhältnis. Dies kann für die Vertreter beider Professionen
mitunter schwierig und strapaziös sein. Mir
geht es um klare und eindeutige Differenzierungen, verbunden mit dem Wunsch, die
gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung der Bedeutsamkeit beider Bereiche gerade in ihrer Verschiedenheit und
Unterschiedlichkeit zu fördern. Nur so ist es möglich, professionell,
effizient und zugewandt im Sinne einer optimalen Begleitung der betroffenen
Patienten zu kooperieren. Da die heilpädagogische Arbeit mit dem Pferd in ihren
Grundzügen wesentlich bekannter ist, werde ich der Psychotherapie mit dem Pferd
in diesen Ausführungen etwas mehr Raum geben. 2.)
Grundsätzliche
Überlegungen Ansätze
und Methoden der Psychotherapie sind natürlich zu unterscheiden von solchen aus
Pädagogik und Heilpädagogik. Ich
werde mich, sofern es die psychotherapeutische Perspektive betrifft, vornehmlich auf psychoanalytische bzw. tiefenpsychologisch
fundierte Verfahren und Konzepte der Analytischen Psychologie C.G. Jungs
beziehen. Definitionsgemäß
ist Sonderpädagogik,
früher Heilpädagogik „ein Bereich der Erziehungswissenschaft, der sich mit
der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen befasst, die aufgrund von
Entwicklungsstörungen oder Behinderungen eine spezielle pädagogische Förderung
benötigen.“ (Quelle: Meyers Lexikon) Psychotherapie
ist gemäß Psychotherapeutengesetz
der BRD ( v. 16. Juni 1998) die
„Feststellung, Heilung oder Linderung seelischer Störungen mit Krankheitswert
mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren.“ Im
Falle der Heilpädagogik geht es also um Entwicklungsförderung und
Nachentwicklung, in der Psychotherapie um die Behandlung seelischer Störungen
mit Krankheitswert. Das
Heilpädagogische Reiten und Voltigieren (HPVR) verfolgt klar umschriebene Ziele
der Entwicklungsförderung oder Nachentwicklung; dies geschieht mittels
methodisch-didaktisch geplanter, altersentsprechend aufbereiteter, überprüfbarer
und ggf. variierbarer Teilziele. Die
Psychotherapie möchte Hintergründe, Ursachen, das Gewordensein einer Krise /
einer psychischen Symptomatik oder „Störung“ verstehen und
den darin für den betreffenden Menschen enthaltenen Sinn entbergen. Wesentlich
ist der diesbezügliche therapeutische Prozess im engeren Sinn – es
ist offen, wohin er führt. In der Arbeit mit Pferden bedeutet dies für mich,
die Art und Weise der Begegnung mit ihnen baldmöglichst auf Initiative der
Patienten und ohne meinen direkten Einfluß geschehen, sich ergeben, „konstellieren“
zu lassen – mich weitgehend zurückzunehmen und das Geschehen eventuell
verbalisierend oder behutsam deutend zu begleiten. „Instrumente“
der Heilpädagogik
sind Aufgabenstellungen, Übungen, Lerneinheiten zur Entwicklung oder
Erweiterung geistiger, motorischer, sozialer und emotionaler Kompetenzen, der
Kommunikations-, der Wahrnehmungs- und Verhaltensmöglichkeiten. „Instrument“
der analytischen Psychotherapie
ist die emotionale und kognitive Resonanz der Therapeutin im Dialog mit der
Patientin / dem Patienten sowohl auf deren bewußte, aber auch auf unbewußte Äußerungen
und Inhalte mit dem Ziel, diese bewußt werden zu lassen, d.h. sie wahrzunehmen
und zu verstehen (Erkenntnisgewinn). Wesentliche Voraussetzung einer
„stimmigen“ affektiven inneren Resonanz der Psychotherapeutin ist ihre
Bereitschaft annehmend und aufmerksam in zwei Richtungen wahrzunehmen –
einerseits hin zu ihrem Gegenüber, andererseits nach innen, hin zu den eigenen
affektiven Reaktionen, d.h. wache Aufmerksamkeit für das Übertragungs- und
Gegenübertragungsgeschehen. Fundiertes theoretisches Wissen, erworbene und
tradierte Erfahrung u.a. durch Arbeit unter Supervision während der Ausbildung
(Umfang zwischen 250 und 600 Std.), Intuition, die auf beidem basiert und vor
allem umfangreiche Selbsterfahrung in Form der Lehranalyse oder –therapie
(Umfang zwischen 150 u. 300 Std.) bilden hier die unverzichtbare Grundlage. Exkurs Psychische
„Störungen“ neurotischer oder tiefergreifender Art haben ihre Wurzeln in
der Regel in frühen, in irgendeiner Weise „gestörten“, d. h. überfordernden,
verletzenden, defizitären, nicht zuträglichen Beziehungserfahrungen.
Psychodynamische Konzepte, Traumatheorie oder die Komplextheorie der
Analytischen Psychologie stimmen darin überein, daß wir Menschen uns der
Tendenz zur Wiederholung, zur Reinszenierung kaum entziehen können. Unsere
Wahrnehmung der Welt, anderer Menschen, neuer Begegnungen ist durch die alte,
verletzende Erfahrung quasi verzerrt, wir erwarten Ähnliches, etwas „haut in
die immer gleiche Kerbe“, wir projizieren und konstellieren so weitgehend
unbewusst das Erwartete – mal mehr auf der Suche nach Bestätigung, mal eher
auf der Suche nach Erlösung. Dies geschieht auch innerhalb der Therapie. Die
Selbsterfahrung der Psychotherapeuten, ihre Lehranalyse oder Lehrtherapie hat
den Sinn, sie u. a. in die Lage zu versetzen, ihre eigenen seelischen
Verletzungen, ihre „Schwächen“ oder Schwachstellen soweit zu kennen und
verarbeitet zu haben, ihre bevorzugten Abwehr- und Bewältigungsmechanismen so
weit im Auge und reflektiert zu haben, daß sie auf solche
„Beziehungsfallen“ ihrer PatientInnen nicht ausschließlich privat oder persönlich
- betroffen, gekränkt, verärgert, wütend, ängstlich etc. - reagieren.
Vielmehr reagieren sie emotional authentisch, filtern aber ihre Reaktion, können
sie dosiert mitteilen, ohne das seitens der Patienten erwartete Muster zu
wiederholen, und können über die eigene gefühlsmäßige Reaktion die
vielleicht abgespaltenen, unbewusst gehaltenen Gefühle ihrer Patienten erahnen,
ihnen Raum geben, sie verbalisieren und annehmen. Diese Beschreibung stellt ein
sehr subtiles, komplexes Geschehen maximal vereinfacht dar. Nachvollziehbar wird
seine Bedeutsamkeit, wenn man bedenkt, daß die Psychotherapieforschung über
alle Schulen, Techniken , Methoden und Verfahren hinweg die Qualität der therapeutischen Beziehung als das Wirksamkeitskriterium schlechthin herausstellt. Diese beruht auf
verschiedenen, auch geschlechtsspezifischen Eignungskriterien der
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Ihr diesbezügliches Sensorium
basiert wie oben erwähnt auf entsprechend umfangreicher Selbsterfahrung sowie
wissenschaftlich fundierten, theoretischen Verständnis- und Erklärungsmodellen
psychischer Erkrankungen. Die Rolle der Selbsterfahrung als
Kernstück psychotherapeutischer Ausbildung wäre natürlich eine eigene
Abhandlung wert. 3.)
Fallvignetten Das
angeleitete oder freie Spiel dient in
der Pädagogik / Heilpädagogik der
Vermittlung konkreter Lerninhalte – z.B. sozialer Kompetenz. Das Spiel
in der analytischen Kinderpsychotherapie dient der Möglichkeit, unbewußte
seelische Konflikte und Inhalte symbolisch verdichtet auszudrücken. Das Spiel
wird nicht angeleitet, wichtig ist es, den vertrauensvollen und sicheren Raum,
„das Gefäß“ zu schaffen, in dem es geschehen und sich entfalten kann. Robin (Name geändert) kam als Pflegekind mit knapp 5 Jahren erstmalig in meine Praxis; er litt unter den unzuverlässigen Kontakten zu seiner leiblichen Mutter, kompensierte die tiefe Selbstwertkränkung durch das „Wegegebenwordensein“ einerseits über grandiose Ideen, also massive, teilweise gefährliche Selbstüberschätzung in zahlreichen Situationen und erhebliche, kaum noch regulierbare Aggressivität in seiner Pflegefamilie. Zu Beginn agierte er in seinem Spiel Destruktivität und Zerstörungswut, indem er drastische Unfälle mit ineinander rasenden LKW, Öltankern und Polizeiautos inszenierte. Dann interessierte er sich für ein als Spielzeug zur Verfügung stehendes schnurloses Telefon. Er baute die Batterie geschickt ein und aus, schließlich wollte er mit mir telefonieren. Wir spielten also „Telefonieren“ – er läutete an, und legte aber den Hörer gleich wieder auf, kaum daß ich mich mit meinem Namen gemeldet hatte. Wenn ich erstaunt „Hallo? Hallo???“ rief, sagte er entschieden „Aufgelegt!“ und beobachtete meine Reaktion, die mal fassungslos, mal traurig, mal ärgerlich bis wütend ausfiel. Er wiederholte diese Spielsequenz über den Zeitraum eines halben Jahres immer wieder mit kleinen Variationen. In dieser kleinen Szene bearbeitete Robin das oft vergebliche Warten auf versprochene Anrufe seiner leiblichen Mutter, aber auch den ihn erschütternden Beziehungsabbruch schlechthin. Im Sinne projektiver Identifizierung versetzte er mich im Spiel immer wieder in eine ähnliche seelische Notlage wie jene, die er selber erlitt. Einerseits konnte ich ihm auf diesem Wege verschiedene Modelle bieten, diese Situation zu überstehen. Andererseits stabilisierte er sein Selbstwertgefühl, indem er im Spiel nicht in der Opfer- sondern der Täterposition handeln konnte. Für
Robin erwies sich die spätere Einbeziehung des Therapiepferdes gerade im
Hinblick auf eine Unterstützung seiner Selbstregulierungsfähigkeit als äußerst
hilfreich. Er wollte gleich „Alleine reiten“ - hatte jedoch große Angst,
das Pony zu berühren, was beim Putzen natürlich nicht vermeidbar war. Er
lernte, sich mit mir darüber zu verständigen, wo er unsicher war und Hilfe benötigte,
d.h. wo sein Mut oder seine Fähigkeiten an Grenzen stießen, und er lernte, daß
es meine Zuwendung, meine Freundlichkeit und meine Anerkennung nicht minderte,
wenn er dies äußern und zugeben konnte. Das Erleben von „Angenommensein“,
ohne „Grandioses“ leisten zu müssen, verhalf Robin zu deutlich klareren
Ich-Grenzen und einem wesentlich realistischeren, stabiler werdenden
Selbstwertgefühl. Psychotherapie
mit dem Pferd
findet - in meiner Praxis - immer im Kontext der eigentlichen Psychotherapie
statt, d.h. als integratives Setting mit gegenseitigen, meist katalytischen
Wechselwirkungen. Psychotherapeutische Arbeitsformen und Interventionstechniken
können auf die Arbeit mit dem Pferd übertragen werden, z.B. intensiviertes
Wahrnehmen der Körperempfindungen und der damit verbundenen Emotionen, Arbeit
mit inneren Bildern und Phantasien, Arbeit mit aktiver Imagination, Gestalten
des Erlebten über Malen und Zeichnen, und natürlich das Wahrnehmen der Übertragungs-
und Gegenübertragungsreaktionen auch im Beziehungsdreieck mit dem Pferd.
Die
Arbeit mit dem Pferd findet in einer Art „Intermediärem Raum“ (Winnicott),
einem Übergangsraum statt. Es ist der innere und äußere Raum zwischen dem
geschützten Beziehungsraum des Therapiezimmers und der „wirklichen“ Welt -
noch im Schutz der therapeutischen Beziehung aber schon außerhalb der Grenzen
des Praxiszimmers. In der Arbeit mit dem Pferd befinden wir uns nicht mehr in
der „Als – ob – Situation“ und im magisch – symbolischen Raum des
Spiels. Das Pferd ist wirklich und es
reagiert seiner Natur gemäß als Flucht- und Herdentier.
Der geschützte Beziehungs- und Begegnungsraum zwischen Kind, Pferd und Psychotherapeutin ist geeignet, die zuvor im Spiel neu gewonnenen, zugänglich gewordenen Erkenntnisse und Möglichkeiten von der Potenzialität in die Aktualität, ins Leben zu transferieren. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich einige Ausschnitte aus dem Therapieverlauf von Milena, einem ebenfalls zu Therapiebeginn 5-jährigen Mädchen, darstellen. Sie war eines von vier Kindern, mit denen ich – gefördert durch die Susan Bach Stiftung – im Rahmen meiner Diplomthesis am Züricher C.G. Jung Institut [1] während des letzten Jahres meiner Analytischen Ausbildung unter Einbeziehung eines Therapiepferdes arbeitete.
Dies ist eine Zeichnung, die sie während des Erstgesprächs unaufgefordert anfertigte. Sie sagt „Neben dem Haus steht eine Frau, die wohnt da. Sie ist eine liebe Frau, hat keine Kinder und keinen Mann. Sie hat einen Hund, dem gibt sie jeden Tag einen schönen Knochen.“ In der Zeichnung deutet sich einerseits eine positive Übertragung auf Therapie und Therapeutin an. Offensichtlich erwartet das Kind eine hinreichend nährende „liebe Frau“, die sie, anders als die eigene Mutter, nicht mit Geschwisterkindern und dem Ehemann / Vater teilen muß. Andererseits transportiert die Zeichnung jedoch weitere, ganz andere Informationen und Inhalte. Sehr auffällig ist der rechteckige, orange-rote Stamm des Baumes und die mit viel Druck gemalte, signalrote Tür in Milenas sonst eher dünnwandigen Haus. Diese rote Tür sitzt ganz zentral in der Mitte des unteren Bildrandes. Welche Verletzungen mochte es im Stamm ihres Lebensbaumes, und in der Mitte ihres „Körperhauses“, in ihrer Körpermitte geben? In der Familienzeichnung tauchen jene druckvoll gemalten, rechteckigen Kästen zwischen Bauch und Beinen der einzelnen Figuren wieder auf. Die ganze Familie scheint irgendwie von jenem Phänomen „infiziert“ zu sein, das Milena als wesentliches, in der Therapie zu bearbeitendes Thema auf diesem Wege „formuliert“.
Milena
mußte wegen einer angeborenen Hüftgelenksdysplasie ein halbes Jahr lang, (3.
– 9. Lebensmonat) in einem Gipsbett fixiert liegen. In dieser Zeit wurden
verschiedene operative Eingriffe an ihren Hüften vorgenommen, jeweils mit sehr
hohem Risiko. Die Mutter berichtete eindrücklich, daß sie Milena in dieser
langen Phase ihres ersten Lebensjahres körperlich nie wirklich spüren, fühlen,
halten und trösten konnte, da sie immer (Zitat)
„dieses ganze Gipspaket“ in den Armen hielt. Bis zur Zeit des Therapiebeginns war Milena ein
"Sorgenkind" mit mannigfachen weiteren Problemen und Folgebeeinträchtigungen
geworden. Sie hatte Sprachentwicklungsstörungen,
schielte und hatte beidseitig Knickfüße; flatterhafte, kleinkindliche
Bewegungsabläufe ließen den Kinderarzt eine psychomotorische Abklärung und
Therapie erwägen, ihr mangelndes Selbstvertrauen und ihre große Ängstlichkeit
beunruhigten die Kindergärtnerinnen. Die Mutter hielt ihre Tochter im
Treppenhaus zu meiner Praxis an einer das Kind viel zu weit hinaufziehenden Hand
– damit ihr nichts passiere, damit sie nicht hinfalle. Die
Eltern lebten in ständiger Angst und Sorge darüber, ob sie alles richtig
machten, Milena ausreichend förderten, genügend verhindern könnten daß sie
vielleicht später in der Schule gehänselt würde, etc. Sie projizierten so
ihre eigene Kränkung - durch die mannigfachen Beeinträchtigungen und immer
wieder notwendigen Untersuchungen und ärztlichen Behandlungen ihrer Tochter -
und ihre eigenen Ängste auf das Kind. Eigene Schuldgefühle kompensierten sie
durch überfürsorgliche Haltungen. Milena
wurde auf diese Weise enorm an die Eltern gebunden und sicherte sich ihrerseits
durch ständig neue Symptome einen erheblichen Krankheitsgewinn, nämlich weit
mehr Zuwendung, als ihr voraussichtlich sonst an ihrem Platz in der
Geschwisterreihe zugekommen wäre. "Die Mami, unser Haus, eine Blume, die Sonne und der Himmel und die Mami sieht einen Sommervogel (Schmetterling); drum herum ist ein Haufen Krähen" - so lautete Milenas Kommentar zu ihrer nächsten, in die Stunde mitgebrachten Zeichnung. Der von schwarzen Krähen ("depressiver Sorgenatmosphäre“) umringte, zur Bewegungsunfähigkeit gezwungene und am Fliegen gehinderte Schmetterling bringt genau jenes Thema des „Infiziertseins“ vom Angst- und Sorgenkomplex der Eltern in für mich äußerst beeindruckender Weise zum Ausdruck.
In der Dynamik der Familie ging es in diesem
Sinne um Loslassen, um die Erlaubnis zu Trennung und Autonomie und um das
Zulassen aggressiver Gefühle; diese Themen betrafen gewiß nicht nur die
Beziehung zwischen Milena und ihren Eltern sondern schienen grundsätzliche
Themen der Familie zu sein, die Milena mit ans Licht brachte. Über die
begleitende therapeutische Arbeit mit den äußerst kooperativen und
introspektionsfähigen Eltern kann an dieser Stelle nicht ausführlich berichtet
werden; wesentlich aber ist, daß die Eltern die oben geschilderte Dynamik
erkennen, verstehen und unterbrechen bzw. ihrerseits verändern konnten. Wie
entfaltete sich nun der Angst-Komplex im psychotherapeutischen Prozess, welche
Symbole tauchten auf? Um die 15. Therapiestunde beginnt Milena ein
Spiel mit den Kasperlefiguren, das sie im Laufe des nächsten Jahres immer
wieder aufgreift, variiert und erweitert, die Ausgangssituation bleibt jedoch
meist gleich. Sie selbst verteilt die Rollen und bestimmt die Handlung: Das
Pferdchen (Milena) besucht seine Freundin, die Prinzessin (die Th.), die gerade
für ihren Mann, den Kasper, das Mittagessen kocht. Das Pferdchen lädt die
Prinzessin ein, zu sich nach Hause zu kommen, der Kasper, so meint es, werde
sich das Essen schon aufwärmen können, wenn er einen entsprechenden Zettel
geschrieben bekommt. Unterwegs fragt das Pferdchen die Prinzessin, ob sie
eigentlich weiß, wer seine Mutter ist. Die Prinzessin verneint, das Pferdchen
sagt - und Milena grinst bereits immer an dieser Stelle mit allergrößter
Vorfreude - : "Die Hexe!" Nun muß die Prinzessin ganz arg viel Angst
haben. Sie soll wieder nach Hause wollen, aber das Pferdchen ermutigt sie mit
Nachdruck, seiner Mutter Hexe zu begegnen. Außerdem sei sie eine liebe Hexe.
Nachdem sich die Prinzessin auf dem Rücken des Pferdchens wieder etwas beruhigt
hat, kommen sie zu Hause an. Die vor Angst schlotternde Prinzessin soll nun
eigenhändig an der Haustür klingeln und die Hexe (auch die Th.) begrüßen.
Das Pferdchen reagiert auf ihr Zittern und Zögern mit viel Zuspruch, Ermutigung
und Vergewisserung, daß ihr schon nichts passieren werde, und die Prinzessin überwindet
schließlich ihre Angst. Die das Mittagessen kochende Mutter Hexe erlaubt den
beiden, noch ein wenig spielen zu gehen. Das Pferdchen fordert nun die
Prinzessin auf, seine beiden liebsten Freunde, den großen Bären und den
kleinen Bären (zwei Stofftiere) zu besuchen und zu streicheln. An dieser Stelle
mußte die Prinzessin jeweils noch mehr Angst haben; je ausgiebiger ich diese
Angst spielte, desto lauter lachte und jauchzte Milena vor Vergnügen. Wieder
hilft das Pferdchen der Prinzessin liebevoll und großmütig, mal ärgerlicher,
nachdrücklicher und ungeduldiger, ihre Angst zu überwinden. Was geschah hier ? Das Pferdchen in Milenas
Spiel ist das zentrale Symbol und trägt den gesamten Prozess. Es verkörpert
die zur Veränderung der "Angstatmosphäre" nötige Gegenkraft. Es ist
zudem der eigentliche Motor des gesamten Geschehens. Milena induziert mir / der
Prinzessin ähnlich wie Robin auf dem Weg sogenannter "projektiver
Identifizierung" ihre Angst. Sie selbst / das Pferdchen ist es jedoch auch,
das der Prinzessin zu mehr Mut und konstruktiver Aggression verhilft. Diese neue
Möglichkeit wird intrapsychisch zum Modell, zu einer neuen, integrierbaren,
internalisierbaren Beziehungs- und Selbsterfahrung. Das Pferdchen führt auch
die eher "verwöhnte" Prinzessin in ein Elternhaus, an einen neuen
Ort, wo "gute" und "böse" Kräfte und Seiten ihren Platz
haben. Die lieben Bären können auch gefährlich sein, die liebe Hexe kann auch
– in späteren Spielvarianten - wütend werden. In der 22. Therapiestunde richtet das
Pferdchen ein großes Chaos in der Puppenstubenwohnung der Familie an. Es rast
durch die Zimmer und hinterläßt (Zitat) "überall große, tiefe Fußabdrücke".
Die kleine Schwester reißt dem großen Bruder die Haare aus und springt immer
vom Kleiderschrank auf das Sofa, um den Mittagsschlaf der Eltern zu stören.
Milenas Eltern berichten, daß Milena sich inzwischen erfolgreich, mitunter auch
handfest und sehr selbstbewußt gegen die beiden Brüder durchsetzt. Auch gegen
die Wünsche und Gebote der Eltern widersetze sie sich mitunter kräftig, was
die Eltern jeweils ganz humorvoll und augenzwinkernd als "Therapie
wirkt" verbuchten. In den Sportferien fährt Milena zum ersten Mal alleine
Ski. Beide Eltern sind stolz auf die Fortschritte ihrer kleinen Tochter, die
enorm an Selbstständigkeit und körperlicher wie seelischer Sicherheit gewonnen
hat. Milena rennt – natürlich alleine - die Holztreppe zu meinem Praxiszimmer
in rechtem Tempo rauf und runter. Nach
den Sommerferien änderten wir das Setting und arbeiteten in einer zweiten
Stunde in der Woche mit meinem damaligen Therapiepferd. Nachdem ein Pferdchen in
Milenas Spieltherapie von so zentraler Bedeutung war, nahm ich sie in die Gruppe
der Kinder auf, denen ich meine Diplomarbeit widmete.
Ich hoffte, Milena könne über die wiegende Schaukelbewegung des
Pferdes im Schritt jenes Getragenwerden nacherleben und genießen, das ihr während
der Monate im Spital weitgehend vorenthalten war. Ich hoffte weiter, ihren
Prozess des zu sich und mehr und mehr in die eigene Mitte Findens auf dieser
eher leib-seelischen Ebene unterstützen und vertiefen zu können, und ich
ging davon aus, daß sie in der gemeinsamen Arbeit mit einem anderen Kind ihre Fähigkeit
zu konstruktiv-aggressiver Auseinandersetzung weiter entfalten würde (das
zweite Kind war gleich alt wie Milenas älterer Bruder). Dies waren jedoch
lediglich eigene Hypothesen. Für
Milena war ein "echtes" Pferd die Erfüllung ihrer kühnsten Wünsche.
Sie begegnete Dondola vorsichtig, aber ganz entschlossen. Sie selbst war nur
wenig größer als ein Vorderbein! Aus respektvollem Abstand legte sich ihre
kleine Hand ganz spürend auf die Nase des Pferdes. Ihre innere Prinzessin hatte
schon lange keine Angst mehr, die Bären zu streicheln... Sie berührte das
Pferd und sie war in Berührung mit ihren eigenen mutigen, kräftigen, und
starken Seiten.
Sie schien voller
Vertrauen und hatte dem großen Pferd gegenüber etwas ganz und gar Argloses.
Mit Hilfe einer stabilen Holzkiste konnte Milena das Pferd überall
putzen und berühren. Sie hatte nicht die geringste Angst, erspürte das weiche
Fell des Pferdes, fühlte seine Wärme und betrachte sein Ohrenspiel.
Sie
wünschte sich sehr, Dondola auch zu reiten. Auf dem Pferd sitzend, machte
Milena den Eindruck, als sei sie froh, nun endlich dort angekommen zu sein.
Sie
wirkte glücklich, gelöst und körperlich völlig entspannt. Nach wenigen
Minuten konnte sie Dondola an Hals und Kruppe klopfen, ihre Hände lösen und
sich einfach überlassen. Der Anfang einer realen Beziehung zwischen Kind
und Pferd war geknüpft. Ab
der 3. Stunde am Pferd bezogen wir Roman ein. Relativ bald hatte ich mit Roman
geübt, das Pferd zu führen. Hierzu war Milena eigentlich zu klein, aber sie
ließ nicht locker, bis sie es auch durfte und ich eine Lösung gefunden hatte,
die dies ohne zu großes Risiko ermöglichte. Im
Kontext der psychotherapeutischen Situation aktivieren viele Pferde ein großartiges
Sensorium für die innere Befindlichkeit der Patienten, und sie beziehen sich
augenscheinlich in ihren Reaktionen darauf. Die beiden folgenden Bilder zeigen
ein dem kleinen Menschen in exklusiver Aufmerksamkeit zugewandtes, hoch
konzentriertes Pferd, das sich von Milena führen läßt.
In
den ersten Stunden mit Dondola, einer 6-jährigen Halbblutstute, führte Milena
also bereits das große Pferd und hielt die Zügel sicher in der Hand. Sie
entschied über den Weg und die Richtung, sie hatte die Initiative ergriffen.
Wenige Monate erst waren vergangen, seit die Mutter sie ängstlich an der Hand
die Treppe hinauf geführt hatte, damit sie nicht hinfiel! Das
Pferd im Spiel ist
in diesem Fall Projektionsträger für unbewußte
/ projizierte Selbstanteile wie Mut, Wagemut, Ich- Aktivität und
konstruktive Aggression. Das Kind wählt das Pferd auf Grund seiner
archetypischen Qualitäten, d.h. seiner menschheitsgeschichtlich relevanten
Bedeutungen. In seiner Symbolik spielen Vitalität, Stärke und Kraft, aber auch
seine Bedeutung als Seelenführer in der Mythologie und Helfertier in
verschiedenen Märchen eine zentrale Rolle. Das
lebendige Therapiepferd
lädt ein zur Rücknahme der Projektion und zur Integration der zuvor noch
projizierten Selbstanteile. Es verhilft den im Spiel noch projizierten
Selbstanteilen gewissermaßen von der Potenzialität in die Aktualität. Mut,
Ich - Aktivität und Selbstsicherheit werden jetzt realisiert.
Wie weit sich die Sorgenatmosphäre in der Familie (Krähen!)
und gleichzeitig das "Korsett" des Gipsbettchens in Milenas eigenem Körperbild
und Körperempfinden inzwischen aufgelöst hat, zeigt ihre folgende Zeichnung.
"Eine weinende und eine lachende Sonne. S. (der kleine Bruder) schläft im
Haus, weil es Nachmittag ist. Im Haus unten ist die Küche, der Herd, der
Wasserkessel. Ich (2.v.li.) habe mein schönstes Kleid angezogen!"
In ihren letzten Stunden auf dem Pferd
imaginiert Milena häufig Bilder eines Weges mit glitzernden Steinen, den sie im
Dunkeln mithilfe des Pferdes bewältigt. In ihren Sandbildern schickt sie mich
jeweils auf einen Weg, der ebenfalls durch Steine und andere Spuren markiert
ist, auf dem diverse Aufgaben und Proben zu bewältigen sind. Ich benötige
einen Mut-Stein, der aber zunächst erkämpft werden muß. Eine Hexe und eine
Schlange müssen getötet werden – Milena beschreibt einen regelrechten
Initiationsweg und zieht in diesen Bildern wesentliche Linien ihres
therapeutischen Prozesses erinnernd nach. Auch die Bären werden noch einmal
aufgesucht. Schließlich verwandelt sich die steinerne Pyramide in eine
Prinzessin, die (Zit.:) „alles Wichtige weiß von dieser Welt“. Diese
letzte Szene ist offensichtlicher Ausdruck der Auflösung ihrer Fixierung an das
Trauma des „Versteinert-Seins“ durch das Fixiertsein an ein Gipskorsett während
des ersten Lebensjahres. Während
in der heilpädagogischen Arbeit mit dem Pferd eher das Konkrete, d.h. neu
gewonnene Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten auf allen Ebenen (nicht nur
der reiterlichen!) im Zentrum des Interesses stehen, stehen in der
psychotherapeutischen Situation – sowohl im Praxisraum, als auch in der Arbeit
mit dem Pferd - eher die intrapsychischen und psychodynamischen Bedeutungen hinter einer konkreten Handlung im Zentrum des Interesses. Die
Verschiedenheit dieser beiden Perspektiven und Fokussierungen impliziert
weitgehend unterschiedliche innere Haltungen, Interventionen und situative
Interpretationen des Pädagogen bzw. der Psychotherapeutin. 4.)
Schlußbemerkung (Heil-)Pädagogik
und Psychotherapie
mit und ohne Pferd sind klar
unterscheidbare und abgrenzbare
Angebote zur Entwicklungsförderung einerseits und zur Behandlung seelischer
Erkrankung andererseits. Gegenseitige
Wertschätzung sowie klare professionelle Grenzen,
Kompetenzen und Zuständigkeiten
sind wesentliche Voraussetzungen für eine gute Kooperation beider
Berufsgruppen, auf die die betroffenen Kinder / Patienten einen Anspruch haben.
Noch so gute Kinderpsychotherapie hat
ohne gute Pädagogik bzw. ohne gute
Zusammenarbeit mit PädagogInnen - Eltern, Erzieher, LehrerInnen, (heil-)pädagogische Teams in stationären
kinderpsychiatrischen oder psychotherapeutischen Einrichtungen – keinen verlässlichen
Erfolg. *** Zwischen
der EU-Konferenz in Wien und der Drucklegung dieses Artikels fand Ende Mai die zweite
interdisziplinäre Jahrestagung des DKThR in Bielefeld statt. Dort wurde eine
Entscheidung für die Einrichtung eines Arbeitskreises „Arbeit mit dem Pferd
im therapeutischen Kontext“ getroffen.
Ich
bedaure sehr, daß die Psychotherapie mit dem Pferd nach wie vor nicht mit einem
eigenen Arbeitskreis im DKThR vertreten ist und daß im Zuge der dortigen
Arbeitskreisgründung eine Festlegung auf die „Psychotherapie im engeren
Sinne“ umgangen wurde. Klare
Zuordnungen von Ausbildungs- und Verfahrensbesonderheiten beider Professionen
mit der Möglichkeit gegenseitigen fachlichen Austauschs und fruchtbarer
Zusammenarbeit wurden leider einer vermeintlichen Interdisziplinarität
geopfert. Ebenso wurde die Chance vertan, der eingangs geschilderten Situation
des teilweise inflationären Umgangs mit dem Therapiebegriff im Kontext
psychischer Erkrankung durch eine qualitätssichernde
Verankerung der Psychotherapie mit dem Pferd unter dem wichtigsten
bundesdeutschen Dachverband entgegenzuwirken. Marktorientierung und
betriebswirtschaftliche Überlegungen schienen diesbezügliche Lockerungen und
Öffnungen zu fordern. [1] „Das Pferd in der Kinderpsychotherapie – Eine tragende Beziehung im Spiegel von Kinderzeichnungen, Sandbildern und spieltherapeutischen Prozessen.“ |